Twitter, dir trau ich nicht


Auf 140 Zeichen seriös wirken – geht das überhaupt? Eine kürzlich vorgestellte Studie behauptet: Nein. Im Test haben sie die Glaubwürdigkeit von Twitter-Links untersucht und dabei festgestellt, dass der Kurznachrichtendienst ein Vertrauensproblem hat. Selbst beste Quellen und gute Tweets können daran nichts ändern. Woran das liegt – das konnten die Wissenschaftler allerdings nicht erklären.

Es scheint wie die Quadratur des Kreises: Mit möglichst wenig Zeichen möglichst viel mitteilen und dabei auch noch seriös wirken. Regierungssprecher Stefan Seibert versucht es genau so wie Coca Cola und McDonald’s – doch geht es nach einer (bereits vor einem Monat) in Communication Quarterly veröffentlichten Studie von Mike Schmierbach und Anne Oeldorf-Hirsch, ist das nicht nur schwierig sondern im Moment so gut wie unmöglich.

Wer einmal tweetet, dem glaubt man nicht

Für ihren Test suchten sich die Wissenschaftler eine Quelle mit bestem journalistischen Hintergrund und entsprechend hoher Seriösiät: Die New York Times. Die Probanden erhielten den Auftrag, die Glaubwürdigkeit eines Artikels einzuschätzen, der entweder direkt auf der Website der NYT, einem Blog oder bei Twitter verlinkt wurde. Das verblüffende Ergebnis: Auch wenn die Teilnehmer über den Twitter-Account der New York Times auf den Artikel geleitet wurden, schätzten sie seine Glaubwürdigkeit deutlich niedriger ein, als bei einem direkten Zugriff über die Website oder über ein Blog. Und das, obwohl ein großer Anteil der Partizipanten zuvor angegeben hatte, häufig oder zumindest “einigermaßen regelmäßig” auf Twitter unterwegs zu sein.

Auch wenn die Ergebnisse der Studie mit dem angenehm unwissenschaftlichen Titel “A Little Bird Told Me, So I Didn’t Believe It” vermutlich zumindest auf kurze Sicht kein Unternehmen dazu bringen wird, seine Twitter-Aktivitäten einzustellen, regen sie doch zum Nachdenken an – was auch daran liegt, dass sich die Wissenschaftler selbst keinen rechten Reim auf die geringe Glaubwürdigkeit machen können. Was sorgt dafür, dass ein Nutzer, der einen Artikel über die Startseite der New York Times aufruft, ihm deutlich weniger vertraut, als wenn er über Twitter dorthin geleitet wird? Ausgeschlossen werden kann zumindest Unsicherheit über die Quelle, denn den meisten Teilnehmern war durchaus bewusst, dass hinter nytimes.com und @nytimes ein- und derselbe Absender steckt.

Hat auch Google Social Search ein Glaubwürdigkeitsproblem?

Weitere Untersuchungen nötig

Vielleicht fehlt einfach das, wenn auch digitale, Gefühl, eine Zeitung aufzuschlagen. Eines ist jedenfalls klar: Die Studie schreit nach weiteren Untersuchungen. Interessant wäre beispielsweise, ob auch die Glaubwürdigkeit stärker werblich ausgerichteter Marken unter dem “Twitter-Effekt” leidet, oder ob die Nutzer hier vielleicht – wie bisher angenommen – durch die personalisierte Kommunikation eher eine Steigerung der Seriosität wahrnehmen. Auch ein Vergleich nicht nur mit Blogs, sondern anderen Kommunikationskanälen wie Facebook wäre eine sinnvolle Erweiterung. Gerade in Hinblick auf Features wie Googles Soziale Suche wäre auch eine Differenzierung zwischen Unternehmenskommunikation und persönlichen Empfehlungen (z.B. aus dem Freundeskreis) ein interessantes Feld für weitere Untersuchungen. Mit-Autorin Anne Oeldorf-Hirsch ist sich allerdings anscheinend heute schon sicher, dass Twitter nicht für seriöse Kommunikation taugt. Unter @anneohirsch findet man jedenfalls keinen Link auf ihre eigene Studie.

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jr
Auf meinem Zeugnis steht Mediengestalter – Texter, Internet-Enthusiast und Weltenbummler hat wohl keinen Platz mehr gefunden. Ich habe mich sowohl beruflich als auch in meiner Freizeit dem Medienkonsum verschrieben und bin damit bisher ganz gut gefahren. Weitere Steckenpferde sind Politik und gutes Essen :)

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