Letzte Chance für Yahoo

Neuer Yahoo-CEO Marissa Mayer mit Ray Ozzie (Microsoft) und Pierre Omidyar (eBay) (Foto: troika)


Von viel Potential haben die letzten CEOs bei Yahoo immer wieder gesprochen – und das waren nicht gerade wenige: Insgesamt vier Chefs gab es beim Internet-Veteran innerhalb von nur einem Jahr. Kann Marissa Mayer, bis gestern noch Produktmanagerin bei Google, den Abwärtstrend des Unternehmens stoppen?

Zeitweise war Yahoo für das Internet ungefähr das, was Google heute ist: Startseite von Abermillionen Usern und de facto Zugang für alle Informationen. Der Index von Yahoo hat den Begriff “Webportal” maßgeblich geprägt und war Zeitweise Synonym für Internet. Doch dann kam Google. Die Ironie der Geschichte will, dass Google seinen Aufstieg zumindest in Teilen Yahoo zu verdanken hat: Denn dort griff man jahrelang statt eines eigenen Indexes auf Google-Technologie zurück, was der Suchmaschine sowohl zu Bekanntheit verhalf (das Google-Logo wurde in den Suchergebnissen eingeblendet), als auch für ein ausreichendes finanzielles Polster sorgte. Ein historisch schlechte Entscheidung, die wohl nur davon getoppt wird, dass man in den späten 90ern den Kauf einer neuartigen Such-Technologie von zwei Stanford-Ingenieuren ablehnte: Larry Page und Sergey Brin.

1997: Yahoo ist für viele Nutzer synonym mit dem Internet (Grafik: Archive.org)

Endlich die Nummer 1

Doch Yahoos beste Tage sind längst Vergangenheit, die Umsätze laut neuesten Zahlen kaum gewesen, der Gewinn sogar geschrumpft. Gibt es eine Chance für Marissa Mayer, den Trend umzukehren? Wenn es jemand schafft, dann sie – denkt man sich zumindest bei Yahoo und setzt voll auf die ehemalige Google-Managerin, bisher Chefin von ungefähr tausend Produkt-Managern. Ihr haben wir das schlichte Google-Design zu verdanken, auch Gmail und und Google News drückte sie ihren Stempel auf. Dabei bliebt die Google Mitarbeiterin Nummer 20 im Unternehmen allerdings immer die Nummer 2 hinter dem Triumvirat aus Google-Gründern Larry Page, Sergey Brin und Ex-CEO Eric Schmidt. Nun also der große Wurf mit Yahoo? Zuzutrauen wäre es ihr.

Auch ist die Ausgangslage nicht ganz so schlecht, wie es auf den ersten Blick scheint. Aktuell verzichtet Yahoo auf einen eigenen Index zugunsten einer Partnerschaft mit Microsofts Bing. Eine strategische Allianz, von der beiden Unternehmen profitieren, jagen sie sich doch gegenseitig nicht mehr die Werbekunden ab, sondern können gemeinsam Front gegen Google machen. Auch der Kontakt zu Facebook ist (nach einigen Klagen) gut, es gibt eine direkte Schnittstelle zur Dienste-Verknüpfung, die trotz miserablen Börsengang vermutlich täglich an Bedeutung gewinnt. Das Juwel in der Sammlung ist allerdings Yahoo Mail, mit 300 Millionen Nutzern einer der erfolgreichsten Mail-Services überhaupt. Dazu kommen Services wie Flickr, die in Randbereichen extrem erfolgreich sind.

Marissa Mayer bei einer Google-Books Vorstellung

Projekt Renaissance

Dennoch: Bei Licht betrachtet handelt es sich dabei um Restbestände aus besseren Zeiten – Yahoo hat in den letzten Jahren zu wenig Innovationskraft bewiesen. Nahezu alle neuen Felder, sei es mobile Nutzung (hier hat Google mit Android die Nase vorn), Social Network (Facebook) oder sogar ein eigener Browser (Google Chrome, außerdem Google-Allianz mit Firefox) als Einstiegstor zur Websuche sind ohne Mitwirkung von Yahoo unter den neuen großen Spielern aufgeteilt worden. Doch spätestens hier zeigt sich, wie glücklich die Personalie Marissa Mayer für Yahoo sein könnte: Die studierte Ingenieurin hat beste Kontakte im Silicon Valley und dürfte durchaus in der Lage sein, einige ehemalige Google-Partner auf Yahoo-Seite zu ziehen. Wer weiß also, welche Suchmaschine 2013 Firefox-Nutzer begrüßt. Außerdem ist Mayer eine hervorragende Organisatorin (ein Talent, das ihr bei Yahoo manches Mal hilfreich sein wird) und hat einen guten Riecher für Zukunftstrends. Lässt man ihr freie Hand, hat Yahoo die Chance, wieder zu einem echten Player zu werden. Die letzte Chance.

Marissa Mayer: Können Ihre Networking-Qualitäten und Innovationskraft Yahoo retten?

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jr
Auf meinem Zeugnis steht Mediengestalter – Texter, Internet-Enthusiast und Weltenbummler hat wohl keinen Platz mehr gefunden. Ich habe mich sowohl beruflich als auch in meiner Freizeit dem Medienkonsum verschrieben und bin damit bisher ganz gut gefahren. Weitere Steckenpferde sind Politik und gutes Essen :)

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