SEO gone bad


Noch exakt 11 Tage, 19 Stunden und 34 Minuten dauert es laut Countdown auf der offiziellen Website bis zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in London. Wer nun plötzlich das Bedürfnis hat, sich ebenfalls minutengenau zum Startschuss zu informieren, folgt einfach diesem Link – den wir allerdings, geht es nach den Nutzungsbestimmungen der Website, vermutlich gleich wieder entfernen müssen. Denn dort wird die Verlinkung nur bei positiver Berichterstattung erlaubt. Die können wir leider nicht versprechen.

Als Online-Marketer hat man ja immer die Hoffnung, dass sich Unternehmen und Organisationen zum Thema Suchmaschinenoptimierung (SEO) auf dem Laufenden halten – oder zumindest ihre Agenturen. So wäre es zumindest denkbar, dass hinter einem umstrittenen Passus in den Nutzungsbestimmungen von london2012.com, der offiziellen Olympia-Website, das Wissen um den Fall von DecorMyEyes.com steckt. Der Online-Händler behandelte seine Kunden scheinbar derartig schlecht, dass massenhaft negative Bewertungen veröffentlicht wurden, Warnhinweise und sogar ein Artikel der New York Times, der vor Käufen bei dem Discounter für Designersonnenbrillen warnte. Der Effekt: Die zahlreichen Links aus teilweise extrem glaubwürdigen Quellen (New York Times) katapultierten die Website in den Suchergebnissen nach oben und der Anbieter durfte sich freuen.

Ein Sturm im Wasserglas

Um in Zukunft positive und negative Kommentare auseinander halten zu können, hat Google seinen Algorithmus angepasst. Wie genau, verraten die Ingenieure aus Silicon Valley tradtionell natürlich nicht (auf Golem.de wird zumindest verraten, was sie nicht gemacht haben) und man darf zumindest bezweifeln, dass die Methode narrensicher ist. Aber anscheinend wollte man für die Website der XXX. Olympischen Sommerspiele auf Nummer Sicher gehen und untersagte Verlinkung im Rahmen negativer Berichterstattung in den Nutzungsbestimmungen gleich ganz:

a. Links to the Site. You may create your own link to the Site, provided that your link is in a text-only format. You may not use any link to the Site as a method of creating an unauthorised association between an organisation, business, goods or services and London 2012, and agree that no such link shall portray us or any other official London 2012 organisations (or our or their activities, products or services) in a false, misleading, derogatory or otherwise objectionable manner.

(Quelle: london2012.com)

Die Mühe, die eher sperrigen Nutzungsbestimmungen zu lesen, hat sich übrigens das Blog The Index on Censorship gemacht – die sich es sich natürlich nicht nehmen ließen, nicht nur die London2012-Website, sondern auch ein paar negative Berichte zu zahlreichen Vorgängen rund um die Olympischen Spiele zu verlinken und entsprechend zu erwähnen. Auch wenn es bisher ein Sturm im Wasserglas geblieben ist, so haben sich doch auch schon größere Portale der Sache angenommen (besonders schön zu lesen der Post auf boingboing.net).

Nutzungsbestimmungen von London 2012: Ein Spiel mit dem Feuer (Foto: london2012.com)

Schlechtes Brand-Management

Natürlich muss man nicht so weit gehen, hinter der Einschränkung Zensur zu vermuten – schlechtes Brand-Management ist es auf jeden Fall. Denn gegen die “negativen” Links vorgehen können die Verantwortlichen ohnehin nicht, Nutzungsbestimmungen hin oder her. Ganz im Gegenteil: Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand vor einer Verlinkung die Nutzungsbestimmungen zu Rate zieht, war von Anfang an extrem niedrig – die Wahrscheinlichkeit, dass bei schlechter Berichterstattung aufgrund der Nutzungsbestimmungen auf Verlinkung verzichtet wird, tendiert gegen Null. Stattdessen gibt es nun auf zahlreichen Blogs, Twitter und Tech-Seiten entrüstete Kommentare über das Vorgehen – das Gegenteil der erhofften Wirkung. Für die Verantwortlichen heißt es nun den strittigen Passus entfernen… und darauf hoffen, dass Google positiv und negativ doch nicht so gut auseinander halten kann, wie behauptet.

Interessante Beiträge:

  • Keine ähnlichen Beiträge.

jr
Auf meinem Zeugnis steht Mediengestalter – Texter, Internet-Enthusiast und Weltenbummler hat wohl keinen Platz mehr gefunden. Ich habe mich sowohl beruflich als auch in meiner Freizeit dem Medienkonsum verschrieben und bin damit bisher ganz gut gefahren. Weitere Steckenpferde sind Politik und gutes Essen :)

Keine Kommentare.

Eine Anwort verfassen.