Social Media: Opera vs. Chrome

Um die jugendliche Zielgruppe zu erreichen, ist Google abseits von den gewohnten Pfaden gewandelt und hat ein Social Media Video erstellt, dass die Vorteile des hauseigenen Browsers Chrome verdeutlichen sollte. Doch der Browsermarkt ist umkämpft – und ein Player, der fast schon im Aus war meldet sich zurück: Opera zeigt eine Persiflage des beliebten Social Media Clips. Droht der Erfolg nun umzuschlagen?

Browsermarkt: Ein Überblick

Auf den ersten Blick wirkt der Browsermarkt geradezu aufgeräumt. Zwei große Player verteilen fast 85 Prozent des Gesamtmarktes auf sich: Microsofts Internet Explorer und Mozilla Firefox. Was daneben passiert, scheint unwichtig. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick offenbart sich, dass sich neben den Browser-Riesen durchaus noch einige andere Spieler auf dem Markt tummeln, die nicht vorhaben, sich ihr Stück des Kuchens von jemand anderem abnehmen zu lassen. Darunter sind auch zwei alte Bekannte: Google mit dem Haus-Browser Chrome und Apple, das mit Safari schon seit 2005 auf dem Browsermarkt vertreten ist. Aber neben diesen vier Hochkarätern gibt es noch weitere Browser – und einer von ihnen hat sich nun gerade Google Chrome heraus gesucht, um wieder ins Gespräch zu kommen: Opera.

Ein holpriger Start für Google Chrome

Einen Traumstart war es nicht gerade: Angeblich war Chrome noch garnicht fertig gestellt, als die erste Version zum Download bereit stand. Prompt wurde Google vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gerüffelt – der Browser sei noch zu unsicher. Damit verschwand der schlanke, schnelle Browser erst einmal von der Bildfläche – und hätte wohl leicht als einer der zahlreichen Irrläufer aus den Entwicklerstudios von Google neben Google Video (eingestellt, weil YouTube gekauft wurde) oder Google Checkout (wegen mangelndem Interesse eingestellt) werden können. Doch dieses Mal bewies Google Durchhaltevermögen und bewarb den Chrome über das firmeneigenene Werbenetzwerk AdSense. Besonders in den Fokus gerückt wurde dabei die überlegene Geschwindigkeit des Browsers. Um die jugendliche Zielgruppe zu erreichen, reichte allerdings simple Bannerwerbung nicht aus. Daher entschloss sich Google zu einem Media-Mix und stellte bei YouTube ein Social Media Video online, dass den Geschwindigkeitsvorteil plastischer (und humorvoller) darstellt: Google Chrome Speed Tests.

Das Video wurde besonders auf Facebook intensiv beworben und kann seit dem 3. Mai (Upload) eine Zugriffszahl von über 2,5 Millionen Views aufweisen (zum Vergleich: Das offizielle Video von Barack Obamas Vereidigung hat gerade mal 1,4 Millionen Views). Doch warum wurde das Video so erfolgreich? Natürlich spielt die Werbung eine große Rolle – doch auch das Video selbst war mit dem futuristischen Versuchsaufbau, dem rasanten Intro und den humorvollen “Speed Tests” perfekt auf die jugendliche Zielgruppe abgestimmt und sorgte so über die Werbung hinaus für eine rasche Verbreitung durch soziale Netzwerke, Twitter und weitere Multiplikatoren. Ein voller Erfolg also für Google. Oder nicht?

Social-Media-David-gegen-Goliath

“Was die Jungs aus Moutain View können, das können wir schon lange”, scheint sich das norwegische Unternehmen Opera Software gedacht zu haben – und veröffentlichte am 27. Mai ein Video, das gekonnt-billig den Google Chrome Speed Test auf die Schippe nimmt. Die zwei Protagonisten (von denen einer den aussagekräftigen Namen “Odd” trägt) “kopieren” den Versuchsaufbau des Google-Videos – und offenbaren dabei einige Mängel und Unstimmigkeiten im Speed Test. Die Anmutung des Videos ist dabei genau umgekehrt zu der des Originals – während hier durch schnelle Schnitte und intensive Farben ein rasantes, modernes Video erzeugt wurde, erscheint das Video von Opera gerade so, als wäre es zufällig gefilmt worden. Damit spiegeln die Videos zu einem gewissen Teil (von Opera so vollkommen beabsichtigt), die unterschiedliche Größe der Firmen wider – mit Google als mittlerweile weltumspannenden Großkonzern und Opera als “Bastelprojekt” von kreativen – vielleicht leicht weltfremden – Entwicklern.

Doch gerade das macht den Charme des Videos aus und sorgte neben den “Entlarvungen” in Bezug auf das Original, zu einer rasanten Verbreitung des Social Media Clips. Interessant hierbei ist, dass sowohl die neuen Multiplikatoren – Blogger, Twitterer & Co, das Video aufgegriffen haben, als auch klassische Nachrichtenportale aus dem technischen Bereich, wie zum Beispiel Golem.de. Die Geschichte des Underdogs gegen den in letzter Zeit ohnehin stark in der Kritik stehenden Konzern aus Kalifornien ist einfach zu passend, als das man sie aussparen könnte.

Die Zahlen sprechen für sich: Obwohl das Video knapp einen Monat später veröffentlicht wurde, verzeichnet es bereits jetzt über eine Millionen Views – und das ohne nennenswerten Werbeaufwand im klassischen Sinne.

Social Media belohnt Kreativität

Was lernen wir aus diesem Beispiel? Sicherlich nicht, dass Social Media Kampagnen ein gefährliches Pflaster sind (wie es so gerne behauptet wird). Denn jeder View des Opera-Videos wird von einem Klick auf das Chrome-Video begleitet (auch hier werden schließlich beide Videos vorgestellt). Ganz im Gegenteil, die Kampagne ist für Google ein voller Erfolg, denn die Bekanntheit des Chrome-Browsers wurde bei der Zielgruppe deutlich gesteigert. Aber den größten Erfolg kann natürlich Opera verzeichnen. Mit einer im Ansatz sehr simplen Methode, einer Videoantwort auf ein YouTube-Video, wie es sie täglich tausendfach gibt, konnte der norwegische Entwickler seinen Browser weit bekannter machen, als es mit klassischer Werbung möglich gewesen wäre. Denn hier zeigt sich wieder, dass Social Media Kampagnen mit Kreativität und Humor belohnt werden. Opera hat eine solche Kampagne geschaffen, indem sie den Google-Browser mit einem deutlichen Augenzwinkern – aber unverkennbar – auf die Schippe nehmen. Und damit bestätigt sich: Bei einer Social Media Kampagne sind begeisterte Nutzer mehr wert als der größte Werbeeteat.

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jr
Auf meinem Zeugnis steht Mediengestalter – Texter, Internet-Enthusiast und Weltenbummler hat wohl keinen Platz mehr gefunden. Ich habe mich sowohl beruflich als auch in meiner Freizeit dem Medienkonsum verschrieben und bin damit bisher ganz gut gefahren. Weitere Steckenpferde sind Politik und gutes Essen :)

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