Analyse: Google Buzz

Google Buzz
“What’s the buzz?”, zu deutsch etwa “Was läuft gerade?” – diese Frage war wahrscheinlich der Name für Googles neuen Service Google Buzz. Und im Moment läuft vor allem eins: Google Buzz selbst. Auf Twitter, in Blogs, Technik-Seiten und auch bei der FAZ: Google Buzz ist ein Topthema. Kein Wunder, denn mit Buzz hat Google beschlossen, Facebook Konkurrenz zu machen. Und das auch noch bis gestern Abend geheim gehalten. Online-Ich zeigt, wie Google die Nachricht auf alle Kanäle brachte – und die Aussichten von Google Buzz.

Als am 5. Januar das Nexus One - besser bekannt als Google-Handy oder Googlephone – offiziell in den Verkauf ging, waren dem bereits monatelang zuvor Spekulationen vorausgegangen. Wann das Handy erscheinen sollte, welche Features es geben würde, wie viel es kosten sollte: Das Nexus One war bereits vor der ersten Präsentation von Fans auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt worden. Befeuert wurde die Diskussion von Google selbst – die Mitarbeiter ließen “versehentlich” Informationen durchsickern oder sorgten mit ebenso “versehentlich” veröffentlichten Fotos für Spekulationen. Mit dem Nexus One konnte Google zeigen, dass dort die von Apple erfundene und von Steve Jobs perfektionierte Maschinerie des Word-to-Mouth Marketings beherrscht wird.

Google Buzz: Schweigen ist Gold

Google Buzz zeigt nun, dass auch die genau entgegengesetzte Strategie zum Erfolg führen kann. Das Googlephone war monatelang Gesprächsthema – ein Erfolg für sich. Doch als es auf den Markt kam, war die Resonanz verhalten. Neuigkeiten gab es kaum welche, erst recht keine Überraschungen, eher die ein oder andere Enttäuschung, wie zum Beispiel das Fehlen des angekündigten W-Lan n-Standards.

Google Buzz war bisher kein Gesprächsthema. Ganz im Gegenteil: Der Suchgigant hat sich derartig in Schweigen gehüllt, dass selbst Branchenkenner und die sonst gut informierten Beobachter vom GoogleWatchBlog keine Ahnung hatten. Das ist beeindruckend bei einem Konzern dieser Größe – und einem Projekt dieser Größe. Denn mit Google Buzz soll Facebook Konkurrenz machen.

Das Google Facebook Konkurrenz machen möchte ist natürlich eine Nachricht allererste Güte. Schließlich kämpfen hier nicht zwei Internet-StartUps gegeneinander, sondern das größte Soziale Netzwerk (dessen Nutzerzahlen mittlerweile schon nicht mehr 300 Millionen, sondern auf 400 Millionen geschätzt werden) tritt gegen den größten und wichtigsten Suchdienst der Welt an.

Dementsprechend wurde die Nachricht dann auch aufgenommen: “GMail + Twitter + Facebook = Google Buzz” schreibt das Stern.de, “Googles soziale Attacke” titelt die Süddeutsche Zeitung und auch der Spiegel informiert seine Leser noch am selben Abend, dass “Google einen Frontalangriff auf Facebook und Co.” plant. Ein so gewaltiges Medienecho – gerade bei etablierten Zeitungen und Zeitschriften – ist ein besonderer Erfolg und zeigt, dass Google nicht bei Apple abkupfern muss, um ein neues Produkt perfekt in Szene zu setzen.

Aussichten von Google Buzz

Facebook ist das unbestrittene Social Network Nummer Eins – mittlerweile auch in Deutschland. Weltweit hat das Netzwerk mittlerweile wahrscheinlich mehr als 400 Millionen Nutzer. Zum Vergleich: Die Bundesrepublik Deutschland hat etwa 81 Millionen Einwohner, gerade mal ein Fünftel der “Einwohner” von Facebook. Das macht Facebook.com zu einer der am meisten besuchten Seiten der Welt. Das bestätigt auch Alexa Internet, ein Dienst, der Seitenzugriffe analysiert und auswertet. Dort hat Facebook.com den sogenannten AlexaRank 2. Und damit wären wir beim Herausforderer angekommen: Mit einem AlexaRank von 1 ist Google das einzige Unternehmen weltweit, das noch mehr Seitenzugriffe verzeichnen kann als Facebook.com.

Aber Seitenabrufe spielen in dieser Auseinandersetzung keine große Rolle. Denn Google Buzz ist fest in einen anderen Service von Google integriert: GoogleMail (außerhalb von Deutschland besser bekannt als gMail). Verlässliche Nutzerzahlen zu GoogleMail gibt es leider keine – im Artikel der Süddeutschen Zeitung wird von 150 bis 170 Millionen Usern gesprochen, TechCrunch sah den Service Mitte 2009 bei 146 Millionen Usern. Wer von etwa 150 Millionen Nutzern ausgeht liegt also wahrscheinlich nicht ganz falsch. Das wiederum ist deutlich weniger als Facebook auf sich vereinen kann.

Hinzu kommt, dass längst nicht jeder, der GoogleMail nutzt, auch Buzz nutzen wird. Aus dem Raster fallen viele: Wer zum Beispiel GoogleMail nicht aktiv nutzt, sondern seine Nachrichten von dort abruft um sie sich mit Outlook oder Thunderbird anzusehen, wird mit Buzz garnicht erst in Berührung kommen. Generell wird längst nicht jeder Nutzer jetzt auch zum Buzz-Nutzer werden, denn viele werden den viele wollen GoogleMail eben nur für eins nutzen: Um zu mailen. Das größte Problem wird für Buzz aber gerade das sein, was Facebook am leichtesten zu fallen scheint – nämlich neue Nutzer zu gewinnen. Denn auf Facebook gilt wie auf sonstigen Sozialen Netzwerken eben nur der was, der Freunde hat – das ist eine Frage des digitalen Prestiges, wenn man so möchte. Nicht Facebook selbst macht Werbung, sondern seine 400 Millionen Nutzer. Und die Möglichkeiten, Freunde einzuladen sind vielfältig und werden stark beworben.

Sieht man mal von der Testphase beim Launch von GoogleMail 2004 ab, fristen die Einladungen bei GoogleMail doch eher ein Schattendasein. Am Anfang waren sie heißbegehrt, doch damals war der Service sehr exklusiv und hatte eine absolute Sonderstellung: Während alle Konkurrenten Speicherplatz vom 3-4 MB anboten, stellte GoogleMail 1 GB zur Verfügung. Kostenlos. Kein Wunder, dass man zuerst an einen Aprilscherz geglaubt hat. Heute allerdings sind große Speichermengen bei Freemailern Standard – und GoogleMail nur noch ein Service unter vielen.

Video: Funktionen von Google Buzz

Geht es nach Google, buzzt also demnächst die ganze Welt – und zwar am besten mobil vom Googlephone aus. Ob das Realität wird, darf allerdings bezweifelt werden. Die Funktionen von Google Buzz sind keineswegs bahnbrechend – und im Praxistest erwies sich die Vernetzung mit anderen Google-Services wie Picasa als mittelmäßig. Dort hat Facebook klar die Nase vorn.

Und bereits bei anderen Implementierungen in GoogleMail konnte Google keine Marktmacht aufbauen – so konnte sich zum Beispiel die Chatfunktion trotz der Möglichkeit, Videos und Sprache einzubinden niemals auch nur ansatzweise an den Marktführer Skype annähern. Aber auch bei anderen Produkten tut sich Google im Moment schwer, zu punkten. Google Wave beispielsweise, dessen vollmundiges Ziel es war, die E-Mail abzulösen, scheint schon ein paar Monate nach dem Start nur noch ein Nischendasein zu führen.

Doch was Google Wave zum Verhängnis wurde, war unter anderem die Tatsache, dass es seiner Zeit voraus ist. Die Funktionen sind zum Teil revolutionär oder zumindest so neuartig, dass sie eine gewisse Eingewöhnungszeit verlangen. Bei Buzz ist das anders – und das könnte ein Vorteil sein!

Aber nun muss erst einmal abgewartet werden – nämlich bis Facebook seine E-Mail Applikation veröffentlicht. Denn während es um Buzz bis gestern ruhig war, ist FacebookMail schon seit einigen Tagen Thema von Spekulationen.

Weiterführende Links
Google Buzz Homepage
Buzz-Review bei Chip.de

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jr
Auf meinem Zeugnis steht Mediengestalter – Texter, Internet-Enthusiast und Weltenbummler hat wohl keinen Platz mehr gefunden. Ich habe mich sowohl beruflich als auch in meiner Freizeit dem Medienkonsum verschrieben und bin damit bisher ganz gut gefahren. Weitere Steckenpferde sind Politik und gutes Essen :)

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