Facebook und die Privatsphäre

Erst änderte Facebook die Einstellungen zur Privatsphäre. Dann behauptet der CEO von Facebook, Mark Zuckerberg, dass die Privatsphäre überholt sei. Und als wäre das nicht genug, veröffentlichte das US-Blog The Rumpus ein Interview mit einer Mitarbeiterin von Facebook, die den Datenschutz im Sozialen Netzwerk Nummer Eins stark kritisiert. Was ist los mit dem Netzwerk-Giganten? Online-Ich.de gibt einen Überblick.

Falsche Versprechen bei Privatsphäre-Einstellungen

Als Facebook vor kurzer Zeit seine Nutzerbestimmungen aktualisierte, war die offzielle Begründung, man wolle den Nutzern mehr Möglichkeiten geben, zu bestimmen, wie sie mit den eigenenen Daten umgehen möchten. Das Versprechen: zu steuern, was andere über einen erfahren dürfen, soll einfacher werden.

Privatsphäre baut auf ein paar Grundideen auf: Du solltest Kontrolle darüber haben, was du mit anderen teilen willst. Es sollte einfach sein, Freunde zu finden und dich mit ihnen zu verbinden. Deine Privatsphären-Einstellungen sollten simpel und einfach zu verstehen sein.

(Privacy is built around a few key ideas: You should have control over what you share. It should be easy to find and connect with friends. Your privacy settings should be simple and easy to understand.)

Aus: A Guide to Privacy on Facebook

Nur auf den ersten Blick einfach: Facebook Privatsphäre-Einstellungen

Nur auf den ersten Blick einfach: Facebook Privatsphäre-Einstellungen

Doch schnell wurde deutlich: Das Gegenteil ist der Fall. Die neuen Einstellungen zur Privatssphäre auf Facebook sind so vorgefertigt, dass man standardmäßig eine ganze Reihe von persönlichen Daten – und auch Status-Updates sowie Kommentare – freigibt. Nicht nur für für jeden, der die Profilseite auf Facebook abruft, sondern auch für Suchmaschinen, die diese Daten auslesen können, wie zum Beispiel Google. Aber damit nicht genug: Die Privatssphäre-Einstellungen sind derartig kompliziert, dass sich der Spiegel dazu berufen fühlte, eine Anleitung online zu stellen, um zu erklären, wie man sein Profil denn wieder auf “privat” stellen kann.

Flucht nach vorne

Im Zuge der lautstarken Kritik an den neuen Privatsphäreeinstellungen bat der Branchendienst TechCrunch Mark Zuckerberg um ein Interview. In dem vor einigen Tagen veröffentlichten Interview verteidigt Zuckerberg die neuen Einstellungen. Die Aussagen aus dem (noch immer aktuellen) Guide to Privacy scheinen in dabei allerdings weniger zu interessieren. Im Gegenteil. Statt zurück zu rudern und Verbesserungen zu versprechen, schmettert Zuckerberg die Frage nach besseren Einstellungsmöglichkeiten als unzeitgemäß ab:

“Menschen fühlen sich mittlerweile wohler dabei, nicht nur mehr und sehr unterschiedliche Informationen [über sich] zu verbreiten, sondern das auch deutlich offener und mit mehr Menschen. Diese Soziale Norm [der Privatsphäre] ist nur etwas, dass sich über die Zeit entwickelt hat.”

(“People have really gotten comfortable not only sharing more information and different kinds, but more openly and with more people. That social norm is just something that has evolved over time.”)

Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook

Anscheinend ist die Einstellung, Privatsphäre gehöre der Vergangenheit an, bei Facebook weit verbreitet. Das deutet zumindest ein Interview mit einer Mitarbeiterin des Unternehmens, die es vorzieht anonym zu bleiben, an. In dem Interview schildert die Frau, dass die Datenschutzbestimmungen für die Mitarbeiter bestenfalls oberflächlichen Schutz der Nutzerdaten gewährleisten.

“Ich bin mir nicht sicher, wann genau es abgeschafft wurde, aber eine Zeit lang gab es ein Master-Passwort. Man konnte die ID irgendeines Users eingeben und dann das Passwort. Ich werde dir nicht das genaue Passwort geben, aber mit Groß- und Kleinschreibung, Symbolen und Nummern hat es in etwa das Wort ‚Chuck Norris‘ gebildet. Es war ziemlich fantastisch.”

(I’m not sure when exactly it was deprecated, but we did have a master password at one point where you could type in any user’s user ID, and then the password. I’m not going to give you the exact password, but with upper and lower case, symbols, numbers, all of the above, it spelled out ‘Chuck Norris,’ more or less. It was pretty fantastic.)

Quelle: The Rumpus

Im Weiteren Verlauf des Interviews spricht die anonyme Quelle auch über die Praktiken bei neuen Regeln zur Privatsphäre. So würden diese nach ihren Angaben prinzipiell zuerst beschlossen und veröffentlicht – und bei Protest eben wieder zurück gezogen. Außerdem sei Daten zu sammeln oberstes Prinzip bei Facebook, so die Mitarbeiterin, und zwar auch dann, wenn der Nutzer die Daten bereits gelöscht hatte (“Your messages are stored in a database, whether deleted or not. So we can just query the database, and easily look at it without every logging into your account. That’s what most people don’t understand.”).

Facebook dementierte die Darstellungen in dem Interview allerdings umgehend, mit dem Hinweis auf fehlerhafte Darstellung und Ungenauigkeiten.

Privatsphäre 2010

Aber wie sieht die Zukunft tatsächlich aus? Besonders im Internet scheinen die Menschen dazu zu neigen, sich mitzuteilen – in Blogs, Foren, Chats, auf Facebook oder StudiVZ oder auf einem anderen Weg, nichts steht dem Mitteilungsbedürfnis hier im Weg. Dabei finden auch durchaus private Informationen den Weg an die Öffentlichkeit (einige Beispiele davon gibt es in der Reihe “7 Todsünden beim Social Networking“)

Twitter: Privatsphäre adé

Twitter: Privatsphäre adé

Und aus all diesen Quellen sucht Google zuverlässig die passenden Ergebnisse heraus – bei Twitter sogar in Echtzeit. Noch sind dem digitalen Abbild Grenzen gesetzt. Informationen über eine Person im Internet zu finden kann leicht sein, oder schwer, das hängt allein davon ab, wie sich diese Person im Internet präsentiert.

Aber der Zwang zur Digitalen Identität nimmt zu. Bereits jetzt sind 3 von 5 Internetnutzern in sozialen Netzwerken aktiv, schreibt Holger Schmidt von der FAZ schon Anfang 2009. Bei der jüngeren Generation, den Digital Natives liegt die Zahl höher, aber auch ältere Menschen dringen zunehmend in die Sozialen Netzwerke, so sind Frauen ab 55 Jahren die größte Wachstumsgruppe bei Facebook, berichtet der österreichische Nachrichtendienst news.at.

In Studentenkreisen gilt als Sonderling, wer noch nicht in StudiVZ, Facebook, WKW oder einem anderen Sozialen Netzwerk angemeldet ist. Lange kann es nicht mehr dauern, und diese Einstellung wird sich auf alle Altersklassen verteilen. Und die Bereitschaft, persönliches dort preis zu geben ist hoch.

Über kurz oder lang stehen die Chancen, dass Mark Zuckerberg mit seiner Prognose Recht behält nicht schlecht. Die ersten Schritte in Richtung einer Gesellschaft ohne Privatsphäre werden auf Facebook jedenfalls längst vollzogen.

Weiterführende Links:
A Guide to Privacy on Facebook
Zusammenfassung des Interviews von The Rumpus auf Golem.de

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jr
Auf meinem Zeugnis steht Mediengestalter – Texter, Internet-Enthusiast und Weltenbummler hat wohl keinen Platz mehr gefunden. Ich habe mich sowohl beruflich als auch in meiner Freizeit dem Medienkonsum verschrieben und bin damit bisher ganz gut gefahren. Weitere Steckenpferde sind Politik und gutes Essen :)

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